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Francisco Welter-Schultes: Umweg nach Cayenne

 

Eine Fortsetzungsgeschichte auf 739 Internetseiten.

 

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Kapitel:

 

07 Wolln wir abhaun? - Countdown in Mainz 1980

Seite:

 

24

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Einen Brief in der Stunde konnte ich nur an Viktoria schreiben, eine andere Alternative bestand nicht. Eigentlich hatte ich Hemmungen, das Risiko einzugehen, sie hier mit reinzureissen, aber es musste anscheinend sein. Ich bereitete einen letzten Versuch vor.
Tut mir leid Viktoria, aber das geht jetzt nicht anders. Einmal im Leben würdest du das auch machen. Einmal im Leben.
Erst viele Jahre später kam mir der Gedanke, vielleicht sollte es so sein. Vielleicht war es so gewollt worden, dass mir die ganze Stunde über nichts einfiel, und ich in den letzten Minuten gezwungen war, Viktoria einzubeziehen. Ob ich wollte oder nicht, ich hatte keine Wahl. Dies war meine letzte Stunde bei Frau Horst.
Ich schrieb einen kleinen, relativ inhaltslosen Brief auf Französisch. Auch das musste ich mir genau überlegen. Was würde passieren, wenn es mir nicht gelang, den Brief von Frau Horst erwischen zu lassen, und Viktoria ihn am Ende planmässig bekam? Okay, ich plante das mit ein. Ein paar zweideutige Zeilen, die auch Viktoria hätte lesen können.
Faltete ihn zusammen und wartete einen Moment ab, wo Frau Horst sich lange in einer anderen Ecke der Klasse beschäftigt hatte, aber irgendwann turnusgemäss wieder einmal in meine Richtung schauen müsste. Das trat ein, und genau in dem Moment gab ich den Zettel, ohne auf Frau Horst zu kucken, völlig auffällig-unauffällig nach vorne zu Verena. Frau Horst hatte nicht gemerkt, dass ich sie vorher genau beobachtet hatte. Blitzschnell griff sie ein und war sofort bei Verena. Püh, war ich erleichtert, der gefährliche Moment war vorbei. Viktoria war gerettet.
- So, den gibste jetzt her!
- Ja, äh - ich hab den nicht ge-
- Ja, das war er, das hab ich jetzt genau gesehn! Diesmal war das er! Das hab ich genau gesehn. Den gibste jetz her! Aber sofort-!
Im ersten Moment lag Verena zwar in der Schusslinie, wehrte sich aber erfolgreich und vollkommen berechtigt. Ich hatte auch nicht erwartet, dass sie von Frau Horsts Wut etwas abbekommen würde. Bekam sie auch nicht. Verena war auch gerettet. Ich fing sofort an zu diskutieren, während sie nach vorne gegangen war und sich den Brief durchlas.
- Nee, Sie, des dürfen Sie nich lesen- des is auf Fran-
- Bist du wohl still, ich hab dich doch gar net gfragt! - - Wieso is des auf Französisch?!
- Na, das is es doch, weil se doch mal gesagt haben, wir dürfen Briefe auf Französisch schreiben.
- Was hab ich??
- Sie haben gesagt, wir dürfen solche Briefe in der Stunde nur dann schreiben, wenn se auch auf Französisch sind.
- Was soll ich gesagt haben???
- In französischer Sprache Briefe schreiben dürfen wir. Haben Sie selbst gesagt. Ich will den Brief wieder haben.
- In was fürm Ton redst du überhaupt mit mir?!
- Ich möchte den Brief wieder haben!
- Ja, ich glaub du spinnst!!! Mir auch noch-
Dass ich tatsächlich Recht hatte, spielte keine Rolle. Die Szene von Seite 208 hatte sie inzwischen längst vergessen. Die Klasse leider auch. Es kam kaum feedback. Was in diesem Fall aber ganz nützlich war, denn das hätte Frau Horst vielleicht nur verunsichert. So lagen meine Chancen besser.
- Das stimmt! Das ham Se selber - so vor zwei-drei Wochen-
- Ja, das ist ja wohl die Höhe!! Du bist jetzt still und kommst nach der Stunde sofort und unaufgefordert zu mir!
Das war schlecht. Das bedeutete, es würde auf alle Fälle eine Strafarbeit und wahrscheinlich einen belanglosen Eintrag ins Klassenbuch geben, oder sie würde sich bis dahin wieder beruhigt haben. Jedenfalls war ein Brief an die Eltern nicht sehr wahrscheinlich. Eine so harte Strafe wurde laut vor der ganzen Klasse verkündet. Bis jetzt nützte mir die Show noch nichts. Es waren nur noch wenige Minuten Unterricht. Entweder jetzt oder nie. Was ich brauchte, war ein Brief an die Eltern. Alles andere war wertlos. Aber ich spürte, ich war auf einem guten Weg. Rechthaberisch durfte man ihr nicht kommen. Das einzige, was jetzt nicht passieren durfte, war, dass sie mich rausschmiss.
- Und ich geb mir extra Mühe, das auch noch auf Französisch zu schreiben-
- Bist du wohl still! Ja, sa-mal, was bildste dir eigentlich ein?! Und ich muss mir des au noch mit anhörn-!
- Aber Sie ham doch mal-
- Halt jetzt dein Mund!
- Ja, das find ich jetzt aber wirklich (fies)-
- Hältste jetz dein Mund?!!
- Wiesoo -
- Raus! Du gehst sofort raus! Und zwar fünf Minuten!!
- Scheisse!!!
- Zehn Minuten!!
- Mist!!
- Fünfzehn Minuten!!! Machste jetzt endlich dass de rauskommst?!!
Noch war nicht alles verloren. Einen Versuch hatte ich noch. Ich entschied mich für eine ganz naive Frage, die in diesem Moment ungemein provokativ klingen musste.
- Krieg ich jetz ne Strafarbeit?
- N Eintrag kriegst du!!!
- Ëhhhhh-!
- Mit Brief an die Eltern!!
- M. (Schluck)
Es gelang mir, für einen ausreichend langen Moment so zu tun, als wäre ich über die letzte Äusserung, Brief an die Eltern, wirklich betroffen. Ich stand auf, ging langsam nach hinten Richtung Klassentür und widersprach nicht weiter. Aber gewonnen hatte ich noch nicht, das wusste ich ganz genau.
Ich hatte zwar vorerst erreicht, was ich wollte, aber jetzt ging es darum, das erreichte Ziel nicht zu gefährden. Und das tat ich, sobald jetzt irgendwie rauskam, dass ich es genau auf einen blauen Brief angelegt hatte. Durch den Unterton in der Frage nach der Strafarbeit hatte ich eine völlige Naivität vorgetäuscht. Das war gut gewesen und verschaffte mir nun einen Freiraum. Ich durfte jetzt nur nicht plötzlich ganz still und brav sein. Zwei bis drei Sätze konnte ich sie jetzt reden lassen. Sie kochte vor Wut.
- Sag mal was bildste dir eigentlich ein wer de bist?! Ich werd mal deinen Eltern schreiben wie du dich hier aufführst!! Du glaubst wohl, du kannst dir hier alles erlauben!!
Dieser Satz traf ins Schwarze. Ich blieb stehen, drehte mich wie in Zeitlupe zu ihr um und sah sie ganz besonders mies an. Ich musste leider einen ganz bestimmten Kommentar unterdrücken, gar nicht mal so schlecht, Steffen und Viktoria hätten hierüber gut lachen können. Das Feingefühl, zu erkennen, dass es mir um einen blauen Brief gegangen war, hatte sie jetzt aber endgültig nicht mehr. Jetzt konnte ich meinen Sieg nach Hause tragen.
- Biste jetzt endlich bald draussen?! Fünfzehn Minuten, hab ich gesagt! Na, sind nur noch drei Minuten. Dann sitzte den Rest eben nächste Stunde ab!
- Ja, gute Idee! Das kann ich ja mal machen! Echt, ne saugute Idee!
- Also sowas Rotzfreches!
- Bulz!
Im allerletzten Moment, kurz bevor einer den Klassenraum verliess, gab es in solchen Situationen noch einen lachenden Blick zurück, eine Grimasse oder ein kurzes Wort und die Klasse wusste Bescheid. Bulz war ein klasseninterner Begriff ohne spezifische Bedeutung, den vor Jahren einmal Trapper erfunden hatte und eignete sich für diesen Zweck hervorragend.
Ich schloss die Tür, riss die Arme hoch wie bei einem Siegtor des FC Bayern in der letzten Minute, warf den Kopf nach hinten und lachte lauthals los. Alle in der Klasse bekamen das mit und ich hörte sie lachen. Dann rannte ich los, mit hochgerissenen Armen jubelnd durch das Treppenhaus. Die Ehrenrunde nach dem Endspiel in Französisch.
Bulz war eine schöne Vokabel, richtig mit Geschichte. In der siebten Klasse hatten wir einmal in Mathe so oft und in den unterschiedlichsten Tonlagen Bulz gesagt, dass Schlier bald der Kragen geplatzt war und er nur noch gemeint hatte: Wer jetzt noch einmal Bulz sagt, kriegt einen Eintrag mit Brief an die Eltern! Es war eine der komischsten Szenen bei Schlier.
Es war wirklich knapp gewesen heute. Drei Minuten vor Schluss. Aber es war eine Meisterleistung. Auch für die Klasse war es eine gute Show. Ich lehnte mich an die Wand an und wartete die letzten zwei Minuten der Stunde ab. Irgendeiner kam vorbei.
- Bist du rausgeflogen?
- Ja, grad eben. Vor einer Minute.
- Du scheinst dich ja richtig darüber zu freuen.
- Allerdings. Und wie.
Zwei Minuten später sah ich in leuchtende Augen. Doch, Bemühung - Einsatz - Resultat. Sie konnten es würdigen. Das mit der Eskalation zum Schluss war wirklich beeindruckend. Fünf Minuten! Zehn Minuten! Fünfzehn Minuten! Immer wieder wiederholten sie Frau Horsts Worte. Ich hatte ihnen noch einmal etwas Besonderes geboten. Es war mein Abschiedsgeschenk an diese Klasse.

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Google

Suchfunktion im Roman: Die Navigation im Roman hat selbst keine Suchfunktion. Wer innerhalb des Romans bestimmte Begriffe sucht, kann hier im Suchfeld bei Google den Begriff "wissenladen" und den Suchbegriff (beispielsweise den Namen eines Ortes) eingeben. Das sollte halbwegs funktionieren. Wenn "wissenladen" alleine nicht reicht, dann noch "cayenne" dazu eingeben.

Für diejenigen, die die gesamte Textdatei lieber am Stück lesen wollen, und nicht jede Seite einzeln, gibt es 3 Word-Dateien, entsprechend den 3 Bänden, die von unserem Server auf Festplatte heruntergeladen werden können. Dies sind die reinen Text-Dateien, ohne Bilder drin. Nur mit Platzhaltern für Bilder. Die Word-Datei (Word 6.0/95 für windows) ist etwa 2001-2003 zusammengeschrieben worden, letzte Änderungen sind von 2005.
cayenne-band1.doc.
cayenne-band2.doc.
cayenne-band3.doc.


Hier noch ein paar weitere interessante Links:

 

www.planetposter.de - Posterverlag von Francisco Welter-Schultes und Ralph Krätzner

www.wissenladen.de - Der Onlineshop mit den guten Ideen

www.wissenladen.de/maps - übersichtliche Landkarten von allen Ländern der Welt

www.animalbase.org - Frühe zoologische Literatur online

www.hausdernatur.de - Museum Haus der Natur in Cismar an der Ostsee

www.100partnerprogramme.de - Geld verdienen im Internet mit Karsten Windfelder

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www.wale-und-delfine.de - Wale und Delfine

 

 


Mainz, Eisenbahnbrücke Weisenau

 

 

 

 

Der Roman Umweg nach Cayenne ist eine Fortsetzungsgeschichte in drei Bänden und basiert auf einer authentischen Geschichte (autobiographisch von Francisco Welter-Schultes).
Band 1 spielt von Mitte der 60er Jahre bis 1980 in Deutschland (erst Bayern, dann Mainz), Band 2 von 1980 bis 1987 in Deutschland (hauptsächlich in der Kleinstadt Neustadt in Holstein) mit einigen Passagen in der Türkei und in Griechenland (vor allem auf Kreta), Band 3 von 1987-1990 spielt hauptsächlich in Nord- und Südamerika (USA über Mexico bis nach Feuerland und dann Atlantikküste entlang nach Brasilien). Ganz am Ende kommen wir dann auch mal tatsächlich nach Cayenne, Französisch-Guyana. Der Titel ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen. Aber bis wir nach Cayenne kommen, dauert es einige Zeit, und ein paar kleine Umwege müssen schon in Kauf genommen werden.
Zusammengeschrieben wurde das Ganze so etwa zwischen 2001 und 2003.
Alle Personen, die im Text vorkommen, sind Personen des wirklichen Lebens. Um ihre Privatsphäre zu schützen, wurden die meisten von ihnen unter Pseudonymen genannt. Ausser bei Personen des öffentlichen Lebens.

Wir hoffen, die Navigation funktioniert halbwegs und wünschen viel Spass beim Lesen.

Für diejenigen, die einen kurzen Blick auf eine Landkarte werfen wollen, was ja mal ganz nützlich sein kann, hier eine kleine Auswahl von Landkarten aus Europa:
Bosnien und Herzegowina   Deutschland   Frankreich   Griechenland   Italien   Österreich   Rumänien   Russland  Schweden   Spanien   Türkei



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