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Francisco Welter-Schultes: Umweg nach Cayenne

 

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22 - Feierabend in den Tropen - Veracruz - Gringo in Mexico

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08

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Die Kinder gingen jeden Morgen eine gute Stunde nach Benito Juárez in die Schule, und nachmittags eine weitere gute Stunde wieder zurück. Wir waren also nach einer Stunde in El Paraje, das aus vielleicht fünfzehn oder zwanzig Häusern bestand und ganz idyllisch zwischen den Bergen in der Nähe eines kleinen Flusses lag. Der ältere Junge ging zu einem kleinen Häuschen, vor dem zwei oder drei Männer standen. Einer davon war unzweifelhaft der Chef. Er war etwas vornehmer gekleidet und passte irgendwie nicht recht in diese Gegend von Landarbeitern. Er hiess Abrán. Ja, also, erzähls ihm selber, meinte der Schuljunge.
- Äh, also die Schulkinder haben mir erzählt hier gibts Arbeit und ich wollte, so für ne Woche, hier- äh- arbeiten, wenn ich- wenn ich was zu Essen bekomm... wenn das geht, meine ich nur...
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich hier, wo die letzte Teerstrasse Tagesfussmärsche entfernt war, für Geld arbeiten konnte. Na, mal sehn, was jetzt kam.

Arbeiten?? Abrán, el maestro, sah mich erst schief an, schien wirklich erstaunt, und meinte dann aber mit einem ziemlich komischen Lächeln auf den Lippen: Ja, klar gibts hier Arbeit. Ja. Und Essen gibts auch. Wenn du willst- ja, du kannst mit uns arbeiten.
Heute war Freitag. Der gringo sollte am Montag anfangen, und dann die ganze Woche bis Samstag arbeiten. Vorausgesetzt, er würde durchhalten. Abráns miesem Lächeln zufolge würde er das nicht. Aber irgendwie waren sie auch gespannt.
Lino war einer der Jungen, die herumstanden und sich die Szene angesehen hatten. Nachdem die Arbeitsfrage geklärt beziehungsweise auf Montag verschoben war, kam er an und meinte, ich solle zu ihm nach Hause kommen. Ich sah nochmal die Arbeiter an, die meinten, ja, ich solle mit dem achtjährigen Jungen mitgehen, der wäre okay. Abrán hatte einen gelben Pick-up und fuhr davon.
Linos Haus stand ein paar Meter von der Strasse entfernt. Seine Mutter war gerade dabei, in einer Steinvorrichtung Maismehl für tortillas zu mahlen. Er erklärte ihr, wer ich war, und ob ich bei ihm schlafen könnte. Eigentlich fragte er nicht direkt, er informierte seine Mutter eher darüber, dass ich jetzt bei ihm wohnen würde. Sie luden noch Nachbarn ein und es gab tortillas aus Maismehl mit schwarzen Bohnen und zur Feier des Tages sogar etwas Fleisch. Für die Kinder des Ortes war ich eine wahre Attraktion. Nein, bitte nicht so viel chili, musste ich überall immer betonen.

Samstag, 12. Dezember 1987
Die Kinder meinten, heute sei ein grosses Fest in Hueycoatitla und fragten mich, ob ich mitwollte. Aber klar. Es ging ziemlich weit den Berg hoch, über geheimnisvolle und versteckte Waldpfade, bis wir nach einem langen Fussmarsch in dem indianischen Dorf ankamen. Einmal die Woche war dort Markt, erklärten mir die Kinder, dann kamen alle Indianer aus der Umgebung und man konnte viele Sachen kaufen oder tauschen. Autos gab es keine, es gab ja auch keine Strasse dorthin, obwohl der Ort mit seinen dreissig oder vierzig Häusern ziemlich gross war.
Auf einem grossen Marktplatz unter hohen Schattenbäumen spielte eine indianische Musikkapelle und es wurde ausgelassen getanzt. Die Kids aus El Paraje standen allerdings mehr oder weniger teilnahmslos um den Platz herum und sahen zu. Vielleicht war ihnen die indianische Musik zu fremd. Erstaunlich war auch, dass die Indianer aus dem Dorf kaum von mir Notiz nahmen. Gäste waren offenbar immer willkommen, und ich war in ihren Augen vielleicht genauso fremd wie die Kinder aus El Paraje. Ich fragte die Kids nochmal, ob sie sicher waren, dass die Indianer wirklich nichts dagegen hatten, wenn wir hier einfach bei ihren Ritualen zuschauten. Nein, meinten sie, das sei schon okay. Es war wie eine Folkloredarbietung, nur echt. Dass es das immer noch gab.
Es gab auch eine Schule in Hueycoatitla, zweisprachig, Spanisch/Nahuatl. Aber mit den Schülern hatten die Kinder aus El Paraje offenbar kaum Kontakt. Hueycoatitla war sehr weit weg.
Mehr Kontakt hatten sie mit den Leuten aus Tlatlapongo, dem Nachbardorf fünf Kilometer weiter an der Strasse, wo wir am nächsten Tag hingingen. Die Kids zeigten mir ein bisschen die Gegend.
Schlafen. Zwei Wochen im Bett von Lino. Neben Lino. Drei Meter neben dem Bett des Jungen war noch ein Gockelhahn mit im Holzhaus - angebunden. Und der hatte ab drei Uhr morgens wirklich nichts Besseres zu tun, als alle halbe Stunde mindestens fünfmal zu krähen. Zusammen mit seinen ganzen anderen Kumpels, es gab dreissig oder vierzig von der Sorte im Dorf.
Ich musste an Kurt in Neustadt denken, der wahnsinnig geworden wäre. Bald erkannte ich jeden einzelnen Hahn an der Stimme. Nach ein paar Tagen schaffte ich es sogar, den Hahn in Linos Zimmer zu überhören und durchzuschlafen.

Montag, 14. Dezember 1987
Die neue Woche brach an. Lino stand um vier Uhr auf, um nach Benito Juárez in die Schule zu gehen. Ich musste um sieben Uhr zur Arbeit erscheinen. Und zwar pünktlich.
Und dann ging es los. Ich hatte keine Ahnung, was für Arbeit gemeint war. Die Kinder hatten versucht, es mir zu erklären, aber ich hatte kaum was davon verstanden und so liess ich mich überraschen.
Abrán und ein paar Helfer spannten mit ein paar Seilen eine Strecke auf einem Lehmberg ab, die dann in Abschnitte zu je fünf Metern eingeteilt wurde. Jeder Arbeiter bekam einen Abschnitt zugeteilt, und los gings.
Lección 1: Ziehen Sie einen Graben. Unbeirrt und kühn entschlossen. Wie es in einem von Matthias Clever & Smart-Heften formuliert worden war. Und viel geschickter als Fred Clever stellte ich mich anfangs auch nicht an. Mit Spitzhacke und Schaufel zu arbeiten, war gar nicht so einfach. Einen Meter tief, einen halben Meter breit.
Es handelte sich um Kanalisationsarbeiten der Regierung. El Paraje und Tlatlapongo sollten eine Kanalisation bekommen. Dazu mussten lange Gräben ausgehoben und Rohre verlegt werden. In Deutschland wurde diese Arbeit durch Maschinen erledigt, aber in Lateinamerika war es billiger, die Gräben von Hand ausheben zu lassen.
Lino hatte mir am Morgen Spitzhacke und Schaufel organisiert. Das Werkzeug mussten sich die Arbeiter selbst mitbringen. Nach einem halben Tag hatte ich die dicken Schwielen an den Händen. Hinterher wusste ich, dass man sich Tücher um die Hände wickeln konnte, um Blasen zu verhindern. Der Nachteil offener Blasen war, dass die sich hier in den feuchten Tropen leicht infizierten.
Aber man konnte ja auch einen ganzen Pritschenwagen voller Steine vom Fluss laden - und zweihundert Meter weiter wieder entladen. Das brachte Abwechslung. Für die Hände.
Man konnte sich auch den Rücken kaputtmachen. Mit Zementsäcke-Schleppen. Einer fünfzig Kilo. Zur Abwechslung. Oder die Wirbelsäule. Mit Wassereimer-Schleppen. Zwei zu je zwanzig Litern. Oder die Schultern. Mit Baumstämme-Tragen. Oder alles nacheinander. Montag bis Samstag sieben bis siebzehn Uhr, Samstag bis zwölf. Andere Probleme hatte ich nicht.
Lohn: achtzehntausend Pesos die Woche. Bekam jeder der zwanzig Arbeiter. Ein Liter Milch kostete dreihundert Pesos, ein Kilo Bohnen fünfhundert, ein Kilo Fleisch viertausend. Umgerechnet lag der Wochenlohn bei knapp neun Mark. Und auch noch steuerfrei...
Und die Sprache. Irgendwann hatten sie schon mitbekommen, dass der gringo es wohl nicht gewohnt war, so hart zu arbeiten. Einer kam auf die Idee, ich könnte die Steine, die in den Graben fielen, wenn sie ihn wieder mit Erde zuschaufelten, einzeln heraussammeln. Abrán hatte ihnen erklärt, dass auf keinen Fall Steine in der Nähe der verlegten Keramikrohre liegen durften, wegen der Gefahr der Beschädigung. Tomás sollte es mir erklären. Also los. Quien sabe si va a entender, begann er lächelnd seinen Vortrag... wer weiss, ob er das versteht. Also: das hier: sind Steine. Piedras. Aha, ich verstehe. Griechisch: pétra. Mein Gehirn nahm die griechischen Wörter und ersetzte sie durch spanische, ständig rutschte ich deswegen in die falsche Sprache. Es kam vor, dass ich den Leuten ganze Sätze auf Griechisch erzählte. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, den Leuten Griechisch beizubringen.
Einige Arbeiter waren aus Tlatlapongo und unterhielten sich untereinander auf Nahuatl. Sie brachten mir ein bisschen davon bei. Shukutl hiess Apfelsine, davon gabs hier im Überfluss, atl hiess Wasser, tlen Wort und ashnit lakake tlentatikichtó ich verstehe kein Wort. Es gab etliche Wörter, die Europa der Aztekensprache zu verdanken hatte. Coyotl hiess Hund, tomatl Tomate, awacatl Avocado. Auch Wörter wie Kakao (kakawa) und Schokolade (chokolatl) kamen aus dieser Sprache.
Ich schrieb den dritten Brief ans Forum. Feierabend in den Tropen. Veracruz.
Nach einer Woche Arbeit war ich erstmal urlaubsreif. Sie bewunderten, dass ich so gut durchgehalten hatte, aber noch eine Woche wollten sie meinen Händen nicht zumuten.
Ach, und das Essen. Jeden Abend in einem anderen Haus. Sie mussten sich vorher abgesprochen haben. Über die Hälfte der Familien hatten mich am Ende einmal zum Essen eingeladen. Das Essen in Mexico war wesentlich weniger abwechslungsreich als in Deutschland und ich verstand langsam, dass dies ein ganz grundlegendes Problem der Unterernährung in den ärmeren Ländern war.
Die Landbevölkerung wusste in weiten Gegenden nicht, dass es notwendig war, sich abwechslungsreich zu ernähren. In El Paraje gab es bei jeder Familie jeden Tag zu allen drei Mahlzeiten tortillas aus Mais, schwarze Bohnen und chili. Manchmal noch Kochbananen. Fleisch, carne, gab es nur selten.
Eine Familie hatte einen Truthahn geschlachtet. Guacolote auf Spanisch, guacolotl auf Nahuatl. Es war wirklich so, dass dabei mehr chili als Fleisch gegessen wurde, und ich verstand, warum der Name des berühmten Gerichts auch chili con carne lautete und nicht umgekehrt, Fleisch mit chili.
Die zweite Woche verging mit Faulenzen, Ausruhen, Spazierengehen, Fussballspielen. Ich hatte ein wenig Zeit, mir zu überlegen, wo ich danach hin sollte. Zunächst schien es, als sei hier die letzte Strasse zuende. Dann fragte ich die Leute, was el paraje eigentlich bedeutete. Die Herberge, erklärten sie mir. Früher lief hier die Strasse von Tampico nach DeFe lang, und hier habe eine Herberge gestanden, wo die Reisenden und Pferde sich ausruhen konnten. Aha, Pferdekutschen, verstehe, wir waren ja in Veracruz. Und was war aus der Strasse geworden?
Die Strasse gabs schon noch, in die Berge über Zontecomatlán, aber sie war nicht geteert und kaum noch befahren. Die Leute rieten mir ab, über Zonte zu fahren.
Sie wollten nicht, dass ich überhaupt fuhr. Am liebsten hätten sie es gesehen, wenn ich dort geblieben wäre. Ich war sehr unsicher. Dann ergab sich etwas, was ich ein Jahr später einmal aufschrieb, in einem Brief an Lina.

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cayenne-band1.doc.
cayenne-band2.doc.
cayenne-band3.doc.


Hier noch ein paar weitere interessante Links:

 

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Maya-Ruinen in Palenque, Chiapas, Mexico. Pyramide der Inschriften.

 

 

 

 

Der Roman Umweg nach Cayenne ist eine Fortsetzungsgeschichte in drei Bänden und basiert auf einer authentischen Geschichte (autobiographisch von Francisco Welter-Schultes).
Band 1 spielt von Mitte der 60er Jahre bis 1980 in Deutschland (erst Bayern, dann Mainz), Band 2 von 1980 bis 1987 in Deutschland (hauptsächlich in der Kleinstadt Neustadt in Holstein) mit einigen Passagen in der Türkei und in Griechenland (vor allem auf Kreta), Band 3 von 1987-1990 spielt hauptsächlich in Nord- und Südamerika (USA über Mexico bis nach Feuerland und dann Atlantikküste entlang nach Brasilien). Ganz am Ende kommen wir dann auch mal tatsächlich nach Cayenne, Französisch-Guyana. Der Titel ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen. Aber bis wir nach Cayenne kommen, dauert es einige Zeit, und ein paar kleine Umwege müssen schon in Kauf genommen werden.
Zusammengeschrieben wurde das Ganze so etwa zwischen 2001 und 2003.
Alle Personen, die im Text vorkommen, sind Personen des wirklichen Lebens. Um ihre Privatsphäre zu schützen, wurden die meisten von ihnen unter Pseudonymen genannt. Ausser bei Personen des öffentlichen Lebens.

Wir hoffen, die Navigation funktioniert halbwegs und wünschen viel Spass beim Lesen.

Für diejenigen, die einen kurzen Blick auf eine Landkarte werfen wollen, was ja mal ganz nützlich sein kann, hier eine kleine Auswahl von Landkarten aus Europa:
Bosnien und Herzegowina   Deutschland   Frankreich   Griechenland   Italien   Österreich   Rumänien   Russland  Schweden   Spanien   Türkei



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