Schlüsselwörter dieser Seite:     Nicaragua 1988 Abschiebeknast Villa Spionage Imperialismus

 

 

 

Francisco Welter-Schultes: Umweg nach Cayenne

 

Eine Fortsetzungsgeschichte auf 739 Internetseiten.

 

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Kapitel:

 

26 - Oder arbeitest du für lasía? - Nicaragua, 1988

Seite:

 

08

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Managua. Zwei Stunden später fahren sie mich ans andere Ende der Stadt, auf eine Anhöhe, hier steht ein Haus, eine Art Villa, "Innenministerium", steht dran. Zwei Leute fragen mich wieder zweimal das gleiche und ich erzähle ihnen auch wieder zweimal das gleiche. Dass meine documentos über die grosse Solidaritätsarbeit gefälscht sind, fällt auch ihnen nicht auf. Ich geb mich als Sozialist aus. Schaden kann das nicht, sage ich mir, und sollen sie doch denken, was sie wollen.
Alles, was im Rucksack ist, wollen sie genauestens aufschreiben, alle Sachen werden genau notiert. Auch alles, was ich an Geld habe, alle meine Papiere, alle Kleinigkeiten filzen sie genau durch. Nur eine Sache entgeht ihnen: ausgerechnet der Sánchez-Brief aus Honduras. Nein, nein, den zeig ich euch nicht. Gemessen an dem, was sie sonst noch für einen Müll aus meinem Rucksack holen, wäre der Sánchez-Brief das einzige gewesen, was sie interessiert hätte.
Eigentlich ist es kein Rucksack, sondern es ist nur ein alter Jute-Sack für Erbsen, wo ich so Art Träger rangemacht habe. Ich lauf nicht gerade wie ein Rucksack-Tourist rum, sondern eher ziemlich abgerissen, aber hier in den Ländern fall ich nicht auf. Alle Leute, die hier die Strasse als Reiseweg nutzen und nicht das Flugzeug, sind nicht sehr reich. Ich bin einer von ihnen, und das ist ein gutes Gefühl.
Sie sind nicht gross böse, machen halt ihre Arbeit, für sie wohl Routine. Sie scheinen zu honorieren, dass ich sie respektiere. Am Ende der ganzen Fragerei fragen sie mich noch:
"Also? Und jetzt? Was denkst du wohl, was wir mit dir machen?"
Ich weiss auch keine rechte Antwort. Weiss nicht. Ihr könnt mich ja freilassen, oder mich zurückschicken nach Honduras, ...oder eben nach Costa Rica... das denke ich vor mich hin, während ich ihnen sage, dass ich gerne in Nicaragua in einer Brigade arbeiten würde.
Ist ein bisschen verfahren, die Situation, und ich lege keinen grossen Wert darauf, das zu ändern. Sie scheinen irgendwie eine Art Paranoia draufzuhaben. Alle haben sie Angst, ich könnte vielleicht doch irgendein getarnter
contra sein. Nur Ortega hatte da schnell von Abstand genommen, den anderen war ich immer verdächtig. Andererseits mache ich auf sie einen ziemlich ahnungslosen und auch unprofihaften Eindruck eines Einzelgängers, sodass ich ihnen wohl doch nicht gefährlich werden würde.
Sie sollen ruhig bis zu einem gewissen Grad glauben, dass ich was mit den
contras zu tun gehabt haben könnte, dann schicken sie mich nicht nach Honduras, sondern nach Costa Rica. Sie sollen aber auch nicht denken, ich sei contra, dann wär ich wohl schnell wegen Spionage dran. Das deuten sie mit etlichen Fragen in diese Richtung an.
Wenn rauskäme, dass ich einfach nur cool über die Grenze bin, nur einfach so, dann wäre ich ganz schnell wieder in Honduras, und dürfte mich wegen überzogenem Visum mit denen rumärgern, das wär auch mies. Also gebe ich mich offiziell als der grosse Sozialist aus, wenn sie mich aber nach FBI oder sowas fragen, sage ich nur, ja, ich weiss, was das ist, steht ja in allen Zeitungen.
Das Ergebnis ist, dass sie wohl wirklich nicht wissen, was sie von mir halten sollen. Sie schliessen Tür Nr. 29 auf, Abschiebeknast, da rein, "kriegst Gesellschaft, damits dir nicht zu langweilig wird", meint er abschätzig zu dem bärtigen Typ, der gleich wieder im anderen Zimmer verschwindet.

Barfuss, in blauer kurzer Hose und blauem Hemd, dieselbe Kleidung krieg ich auch. Behalten darf ich hier nur das Handtuch, keine anderen Sachen von mir. Na gut, was brauche ich auch mehr als mein Handtuch. West Virginia...
Bevor sie gehen, fällt mir noch ein, sie zu fragen, ob sie nicht vielleicht etwas zum Lesen hätten. Enid Blyton auf Spanisch war nämlich gar nicht so schlecht gewesen.
"Haben wir was zum Lesen... hm... wir haben nur Lenin, wenn dich das -" Lenin??
"Ja", meine ich freudig, "das ist interessant, das wäre nett, wenn Sie mir das bringen würden. Haben Sie auch Marx?", ich muss ja den perfekten Sozialisten markieren.
Imperialismus - fortgeschrittene Phase des Kapitalismus, 85 Seiten, was anderes darf er mir wohl nicht bringen. Schreiben ist nicht. Stifte gibt es nicht. Sonst werden die Wände vollgeschmiert. Mit Schmähungen gegen den Sozialismus.
Es ist also die Villa irgendeines Somoza-Fans, den sie wohl enteignet haben, und unser Gefängnis besteht aus drei Zimmern und einem Bad. Der andere Gefangene ist im linken Zimmer, ich geh in das rechte, in beiden stehen je zwei Betten. Das dritte Zimmer ist eine Art Aufenthaltsraum, von dem die beiden Schlafzimmer abgehen. Die Fenster und die Tür zum Innenhof haben sie mit Gittern dichtgemacht.
Es ist sogar ganz zivil möbliert, auch wenn die Couch und die Sessel schon leicht ramponiert sind. Die Betten haben zwei Matratzen, recht gemütlich, Schränke aus Holz (in denen verständlicherweise aber nichts drin ist...), sogar Nachtschränke haben wir. Der Boden ist sauber gekachelt. Mich überrascht, dass wir sogar einen Fernseher haben, der funktioniert auch. So können wir uns jeden Abend die brasilianische Telenovelle
Final feliz* reinziehen, die spielt in Porto Alegre.
Also gut, auch wenn es nicht gleich danach aussieht: hier bin ich also im Knast, Abschiebehaft, Ausbrechen verboten. An der Terrassentür hängt extra ein Zettel, eine Art Gefängnisordnung. Das Licht hat um zehn Uhr aus zu sein und das unaufgeforderte Verlassen der Räume ist den Gefängnisinsassen untersagt. Ausbrechen verboten. Ist wohl als kleiner Scherz gemeint, denn alles ist vergittert und wir werden streng bewacht.
Auf den Matratzen liege ich sehr bequem, als Zudecke reicht in den warmen Nächten Managuas ein einfaches Bettlaken. Manchmal nerven die
zancudos, in einer Nacht zerklatsche ich einmal acht dieser lästigen Stechmücken.
Am nächsten Morgen wechseln der andere und ich zum ersten Mal ein Wort.
"Haben sie dir auch dein Geld weggenommen?", will er wissen, "Hast du denen dein Geld gezeigt?"
"Ja, hab ich, wieso, musste ich doch. Die haben alles genau aufgeschrieben. Nur den unsinnigen Flug gestern musste ich bezahlen, weisst du, ich komme von Puerto Cabezas. Wieso, haben sie dir Geld weggenommen?"
"Nein, ich hatte kein Geld, aber zwei anderen haben sie zweihundert Dollar weggenommen, Mexikanern."
"Nein, so richtig weggenommen haben sie mir nichts. Du - bist Nicaraguaner?"
"Nein, Kolumbianer."
"Ah,
Colombia. Und woher aus Kolumbien?"
"Aus Bogotá. Und wo kommst du her?"
"Ich bin Europäer. Aus Westdeutschland."
Er heisst Dagoberto und sitzt schon seit zwei Monaten, war aber nicht immer alleine. Scheint diese Militärchefs nicht besonders gern zu mögen, mit den Wachsoldaten kommt er besser klar. Obwohl ich noch nie im Knast war, merke ich von der ersten Minute an diese eigenartige Atmosphäre, wenn jeder jedem misstraut. Das geht nur langsam vorüber.
Einer der Wandschränke ist unauffällig aufgebrochen, mit Kreidestein haben sie ein Gedicht reingeschrieben.

Cárcel de Lujo**

Nunca he visto una cárcel así
pero siempre es cárcel
televisor
muebles
buenas camas
closeth
buen baño tipo turista
pero somos presos
y es la misma mierda

Dreimal am Tag bekommen wir Essen, ich schätze, es ist dasselbe Essen, das die Wachsoldaten auch bekommen. Reis, Bohnen,
yuca, Mais, immer etwas anderes, manchmal Gemüse, Obst, dazu einen Becher Saft oder Kaffee.
Wenn sie Lust haben, lassen sie uns am Tag einmal für eine Stunde auf den Hof, an die Sonne. Alle zwei Tage müssen wir ausserdem unsere "Wohnung" saubermachen, dann geben sie uns Feudel, Besen und alles. Damits uns nicht zu langweilig wird.
"Funktioniert die Dusche?"
"Manchmal."
Nur mit Trick funktioniert sie. Aber immerhin. Die Klospülung ist auch nicht ganz in Ordnung.

* Happy end.
** Luxus-Knast
Noch nie habe ich so ein Gefängnis gesehen
aber es bleibt Gefängnis
Fernseher
Möbel
gute Betten
Klo
Dusche der Marke Sommergäste
aber wir sind Gefangene
und es ist dieselbe Scheisse

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Google

Suchfunktion im Roman: Die Navigation im Roman hat selbst keine Suchfunktion. Wer innerhalb des Romans bestimmte Begriffe sucht, kann hier im Suchfeld bei Google den Begriff "wissenladen" und den Suchbegriff (beispielsweise den Namen eines Ortes) eingeben. Das sollte halbwegs funktionieren. Wenn "wissenladen" alleine nicht reicht, dann noch "cayenne" dazu eingeben.

Für diejenigen, die die gesamte Textdatei lieber am Stück lesen wollen, und nicht jede Seite einzeln, gibt es 3 Word-Dateien, entsprechend den 3 Bänden, die von unserem Server auf Festplatte heruntergeladen werden können. Dies sind die reinen Text-Dateien, ohne Bilder drin. Nur mit Platzhaltern für Bilder. Die Word-Datei (Word 6.0/95 für windows) ist etwa 2001-2003 zusammengeschrieben worden, letzte Änderungen sind von 2005.
cayenne-band1.doc.
cayenne-band2.doc.
cayenne-band3.doc.


Hier noch ein paar weitere interessante Links:

 

www.planetposter.de - Posterverlag von Francisco Welter-Schultes und Ralph Krätzner

www.wissenladen.de - Der Onlineshop mit den guten Ideen

www.wissenladen.de/maps - übersichtliche Landkarten von allen Ländern der Welt

www.animalbase.org - Frühe zoologische Literatur online

www.hausdernatur.de - Museum Haus der Natur in Cismar an der Ostsee

www.100partnerprogramme.de - Geld verdienen im Internet mit Karsten Windfelder

www.affiliate-katalog.de - Partnerprogramm-Suchmaschine

images.google.com - Bilder suchen mit Google

www.wale-und-delfine.de - Wale und Delfine

 

 


Tagebuch in Grösse A6 mit superkleiner Schrift, in das ich in dieser Zeit vor allem meine Briefe nach Deutschland abschrieb (hier kursiv). Der Nicaragua-Text wurde in Kolumbien geschrieben, etliche tote Moskitos zieren das Werk.

 

 

 

 

Der Roman Umweg nach Cayenne ist eine Fortsetzungsgeschichte in drei Bänden und basiert auf einer authentischen Geschichte (autobiographisch von Francisco Welter-Schultes).
Band 1 spielt von Mitte der 60er Jahre bis 1980 in Deutschland (erst Bayern, dann Mainz), Band 2 von 1980 bis 1987 in Deutschland (hauptsächlich in der Kleinstadt Neustadt in Holstein) mit einigen Passagen in der Türkei und in Griechenland (vor allem auf Kreta), Band 3 von 1987-1990 spielt hauptsächlich in Nord- und Südamerika (USA über Mexico bis nach Feuerland und dann Atlantikküste entlang nach Brasilien). Ganz am Ende kommen wir dann auch mal tatsächlich nach Cayenne, Französisch-Guyana. Der Titel ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen. Aber bis wir nach Cayenne kommen, dauert es einige Zeit, und ein paar kleine Umwege müssen schon in Kauf genommen werden.
Zusammengeschrieben wurde das Ganze so etwa zwischen 2001 und 2003.
Alle Personen, die im Text vorkommen, sind Personen des wirklichen Lebens. Um ihre Privatsphäre zu schützen, wurden die meisten von ihnen unter Pseudonymen genannt. Ausser bei Personen des öffentlichen Lebens.

Wir hoffen, die Navigation funktioniert halbwegs und wünschen viel Spass beim Lesen.

Für diejenigen, die einen kurzen Blick auf eine Landkarte werfen wollen, was ja mal ganz nützlich sein kann, hier eine kleine Auswahl von Landkarten aus Europa:
Bosnien und Herzegowina   Deutschland   Frankreich   Griechenland   Italien   Österreich   Rumänien   Russland  Schweden   Spanien   Türkei



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